sprachdidaktik-sobel 
Ideen und Impulse zur Unterrichtsgestaltung

August 2026

Lernprozessbegleitung in großen Klassen

Die Problematik: Eine kontinuierliche und qualitativ hochwertige Begleitung von Lernprozessen stellt Lehrkräfte insbesondere in großen Lerngruppen vor erhebliche Herausforderungen: Die begrenzten zeitlichen und personellen Ressourcen erschweren es, individuelle Lernwege systematisch zu beobachten, zu dokumentieren und auf dieser Grundlage passgenaue Rückmeldungen oder Fördermaßnahmen abzuleiten. Häufig rücken deshalb vor allem Lernprodukte (also z.B. Klassenarbeiten, Vokabeltests oder Hausaufgabenüberprüfungen) in den Fokus, während die zugrunde liegenden Denk- und Lernprozesse weniger sichtbar bleiben. Dies ist insbesondere für zurückhaltendere oder schwächere Schüler:innen ein Problem, weil ihre Bedürfnisse nicht bzw. nur unzureichend wahrgenommen und realisiert werden können.


Ein Lösungsansatz: Strukturierte Beobachtungs- und Dokumentationsinstrumente können dazu beitragen, Lernprozesse auch unter diesen Bedingungen gezielter zu erfassen und für diagnostische sowie didaktische Entscheidungen nutzbar zu machen. Dabei dürfen und sollen auch die Lernenden stärker einbezogen werden: Planungs-, Selbsteinschätzungs-, Reflexions- und Feedbackkompetenzen sind 21st Century Skills, die essentiell für die Verortung und Orientierung der Kinder und Jugendlichen in der VUCA-Welt sind. Somit führen die Schüler:innen die Dokumentation ihres Lernens zunächst angeleitet, später zunehmend selbstständig durch.
[VUCA = Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity]

Folgende einfach selbst zu erstellende Matrize (hier für den Englischunterricht entworfen) eignet sich dafür:

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Erläuterungen zur Vorbereitung:

  • Der Bogen wird im A3-Format ausgedruckt und ist von den Lernenden stets mitzuführen. Alternativ kann auch die digitale Vorlage verteilt werden, wenn den Schüler:innen eigene digitale Endgeräte zur Verfügung stehen.
  • In der Box „Automatic Feedback“ befinden sich 3-4 kleine Klebezettel, in der Box „Joker“ 3-4 farbige Klebepunkte/ Sticker.
  • Hinweis: Die Arbeitspakete in der ersten Spalte, die Anzahl der Wochen (= Spalten) sowie die Auszeiten (Ferien, Klassenfahrt, Projektwoche, etc.) müssen vor dem Druck individuell angepasst werden.
  • Tipp: Wenn die Schüler:innen (noch) nicht in der Lage sind, die Komplexität der Lernaufgaben zu überschauen, bietet es sich an, dass zunächst nur das Üben der im Unterricht behandelten Inhalte in die freie Arbeit ausgelagert wird. Hierzu kann die Lehrkraft zu Beginn des Schuljahres eine Lerntheke (aktueller und vergangener Themen - z.B. Grammatik, Wortschatz) zur Verfügung stellen, aus der sich die Schüler:innen selbstständig bedienen können. Dann langen in der Regel zwei Fenster von 15-20 Minuten zum Lernen.

Erläuterungen zur Nutzung:

  • Zu Beginn jeder Woche unternehmen die Schüler:innen eine WOCHENPLANUNG, indem sie in die jeweilige Spalte eintragen, an welchen Arbeitspaketen sie arbeiten wollen. Für Schüler:innen, die mit dem Lernmanagement noch nicht vertraut sind, bietet es sich an, eine Anleitung zu geben und mögliche Arbeitspakete konkret aufzuzeigen (z.B. in einem LMS oder mit Hilfe des Lehrbuches). Wichtig ist, dass die Ideen möglichst konkret formuliert werden. Beispiele: Statt einfach nur „Lückentext“ zu schreiben, eher eine konkrete Übung benennen („AB, Nr. 4“) oder statt „Lektüre lesen“ konkrete Seitenzahlen oder Kapitel angeben. Ebenso kann angegeben werden, ob z.B. ein geschriebener Text oder eine Grammatikaufgabe eingereicht wird. Danach kann der Haken im ersten Kästchen markiert werden.
  • Am Ende der Woche gehen die Schüler:innen in die Reflexion: Welche Arbeiten habe ich erledigt? -> In der Tabelle markieren; Welche nicht? -> Übertrag in die nächste Woche; Gegebenenfalls können die Schüler:innen auch kleine Reflexionstexte in der Fremdsprache schreiben, die für Feedbackgespräche (auch im Tandem und in Kleingruppen) gut als Aufhänger genutzt werden: Was lief gut diese Woche, was nicht? Woran möchte ich verstärkt arbeiten? Wer oder was könnte mich dabei unterstützen? Etc.
  • Im Laufe der Zeit haben die Lernenden die Möglichkeit, JOKER zu nutzen. Die Sticker werden nach Belieben in eine Box gesetzt, z.B. in die Planungsbox, wenn der:die Lernende krank war und keine Arbeitspakete angehen konnte oder in ein bestimmtes Feld (z.B. Writing) wenn aufgrund anderer Ereignisse (z.B. Klausurenstress) Aufgaben nicht bewältigt werden konnten.
  • Ebenso können Sie die Klebezettel aus der Box „Automatic Feedback“ einsetzen: Sie notieren darauf ihren Namen und ihre eigene Einschätzung ihres Fortschritts (verbal, mit Notenbereich oder als Ziffernnote) und geben den Zettel am Ende der Stunde oder der Woche der Lehrkraft. Diese gleicht die Einschätzung mit der eigenen ab und macht auf der Rückseite entsprechende Notizen. Dieses Procedere hat den Vorteil, dass die Schüler:innen selbst steuern können, wann sie eine Rückmeldung haben wollen und es entlastet gleichsam die Lehrkraft, weil  nicht immer allen Schüler:innen gleichzeitig Feedback gegeben werden muss. Zudem kann der Lernfortschrittsbogen eingesammelt und zu Hilfe genommen werden.
  • Lehrkraft-Schüler:innen-Feedback erfolgt ebenfalls in Etappen und nach Bedarf: Während der Arbeitsphase kann mit Einzelnen oder Kleingruppen ins Gespräch gegangen werden. Die Pläne sollten offen auf den Tischen liegen, sodass die Lehrkraft durch Herumgehen auf einen Blick feststellen kann, mit wem sie gerne ins Gespräch gehen möchte: Wer hinkt hinterher, und warum? Wer ist schon besonders fortgeschritten? Wer braucht neue Impulse und Herausforderungen? Wer ist überfordert, und warum? Wer braucht Unterstützung? Etc.

Fazit:
Eine zunehmend routinisierte Lernprozessbeobachtung durch die Schüler:innen erlaubt der Lehrkraft, mehr und mehr in eine Beobachter:innenrolle zu gehen - Freiräume für die Lernenden werden so auch zu Freiräumen für die Lehrkraft. Dies passiert nicht automatisiert und funktioniert sicherlich auch nicht immer reibungslos. Aber es eröffnet Chancen: weg von vollständiger Kontrolle durch die Lehrkraft (was ohnehin niemals möglich sein wird), hin zu mehr Partizipation und Verantwortung für die Schüler:innen.
Viel Spaß beim Ausprobieren!

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